In unserer Jubiläumsreihe „Köpfe am THG“ begrüßten wir am Mittwoch, den 5. Februar in der gut besuchten Mensa die beiden Autoren Björn Kern und Markus Manfred Jung und Hendrik Rekers am Flügel. Alle drei haben THG- Wurzeln, sei es als Schüler wie Björn Kern und Hendrik Rekers oder als Lehrer wie Markus Manfred Jung.
Der Titel der Veranstaltung „Draußen vor der Tür“ steckt ein thematisches Spannungsfeld ab: Auf der einen Seite das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Bochert über den Kriegsheimkehrer Beckmann, der nach Hause zurückkehrt und dann noch nicht nach Hause kommt. Dessen Zuhause draußen vor der Tür ist, auf der Straße, alleingelassen. Auf der anderen Seite „Walden oder Leben in den Wäldern“ von David Henry Thoreau. Thoreau hatte über zwei Jahre in einer Hütte in einem kleinen Wäldchen in Massachusetts gelebt und darüber ein Buch geschrieben, in dessen Zentrum Zivilisationskritik, Antimaterialismus und die Verschmelzung mit der Natur stehen.
Der erste Text „Das Böse“ von Jung knüpfte an die dunkle Seite des Themas an, die „schwarze Pädagogik“ und deren Folgen: Jung erzählt von seinen körperlichen „Züchtigungen“ durch den Vater, aber auch Lehrer und andere Personen übten die gewalttätige Erziehung aus, mit psychischen Folgen für das Kind. Eigene Gewaltphantasien entwickelten sich, andererseits entstand der Wunsch, Lehrer zu werden und die Gewalt „draußen vor der Tür“ zu lassen. Das gelang, geblieben ist für Jung aber die Frage seines Textes: „Woher kommt das Böse in uns?“
Ganz anders dann Jungs zweiter Text, Notizen von seiner Wanderung zu Fuß von Raich nach Norditalien. Naturwahrnehmungen und Naturerfahrungen stehen hier im Vordergrund, immer wieder werden aber auch Fragen grundsätzlicher Natur behandelt. In der Passage, als Jung auf seiner Wanderung im Gotthelf-Dorf Lützelflüh ankommt, schildert er eindrücklich, wie sich über den Emmentaler Hügeln am Horizont das Berner Oberland erhebt.
Über Naturerfahrungen gut 1000 Kilometer nördlich erzählt Björn Kern in seinem Buch „Im Freien“. Der Autor, der im Oderbruch lebt, gibt immer wieder seinem „Nahweh“ nach, um die Natur zu erkunden und dabei auch die Gesellschaft, das Leben und sich selbst zu erfahren. Im fesselnd vorgetragenen Kapitel „Grenzgänger“ macht der Ich-Erzähler die Polizei auf sich aufmerksam, Rehe machen ihn auf sich aufmerksam und er bemerkt aufmerksam an sich, dass ihn die Natur aus allen Zwängen herausbringt, gelassen und glücklich macht. Bevor das „Nahweh“ mit all seinem Gesellschafts- und Zivilisationskritischen absolut gesetzt wird, tritt der märkische Nachbar auf, der mögliche schwärmerische Verabsolutierungen mit seiner bodenständigen Art ironisch bricht: eine unterhaltsame Lektüre, wie der Abend gezeigt hat.

Passagen von aufwühlend-expressiv zu feinfühlig introvertiert, von großer Fülle und Bewegung zu sanftem Wiegen und ausgewogenen Harmonien waren auch in den musikalischen Zwischentönen – Präludium und Fuge aus „Ludus Tonalis“ von Hindemith, „Aufschwung“ von Schumann und „Intermezzo Es-Dur“ von Brahms – wiederzufinden, die Hendrik Rekers technisch versiert und ausdrucksstark am Flügel spielte.
Am Ende des offiziellen Teils erhielten alle drei Akteure eine THG-Tasse als Dankeschön und standen für Gespräche mit dem Publikum und Interviews mit „Theo.txt“ zu Verfügung. An dieser Stelle an Markus Manfred Jung, Björn Kern und Hendrik Rekers einen herzlichen Dank für den gelungenen Abend.

(Text: Thilo Kuschel Lauber; Bilder: Zoé Raphael 8d, Theo.txt)